Der Swing ist noch lange nicht tot
19.03.2007 18:30 Alter: 3 Monat(e)

Der Swing ist noch lange nicht tot

Von: Hanns-Georg Szczepanek (Kinzigtal-Nachrichten)

„Rattenbande“ und Caravan Big Band starteten in Schlüchtern ihre Deutschlandtournee

SCHLÜCHTERN Der Begriff Jahreskonzert ist im Grunde eine Untertreibung für das, was die Caravan Big Band am Samstagabend in der Stadthalle auf die Bühne gebracht hat. Denn die gut zwei Dutzend Akteure unter der Leitung von Franz-Josef Schwade präsentierten den mehr als 250 Zuschauern nicht nur ein Jazzkonzert, sondern eine fulminante Jazzshow, die ohne Zweifel als kulturelles Glanzlicht im Veranstaltungskalender der Bergwinkelstadt markiert werden darf.

Für den Showteil des Abends sorgte vor allem die „Rattenbande“ in Gestalt der US-Entertainer Keith Sanders und Scotty Riggins, die sich zusammen mit ihrem Schlüchterner Kollegen Hans Ludwig den gleichen Namen wie das legendäre Terzett ihrer Vorbilder Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin gegeben haben: Rat Pack.

Scheinbar entspannt an einem Bistrotisch lehnend, gestaltet das Schlüchterner Rat Pack mit dem obligatorischen Glas Whisky in der jeweiligen Hand – in dem vermutlich wie bei Dean Martin nur Tee ist – eine humorvolle und gelegentlich charmant improvisierte Conférence über den Jazz und dessen Protagonisten. Und in diese Plauderei auf der Bühne packt das elegant gekleidete Gesangstrio mal eben 17 Evergreens des Swing und des Bebop, aber auch Titel aus den Anfängen des Rock ’n’ Roll. Besonders gern frotzeln die drei über sich selbst; zum Beispiel, als Scotty Riggins aus Indiana im Schottenrock erscheint. Riggins besticht aber nicht nur durch seine Korpulenz, sondern auch mit seiner Elvis-Imitation des Dreigroschenoper-Lied „Mackie Messer“ oder mit Presleys „Fever“. Ein grandioser Keith Sanders, an dem ein Komiker verloren gegangen ist, überzeugt unter anderem mit „Georgia“ und Sammy Davis’ „Mr. Bojangle“, während sich Lokalmatador Hans Ludwig spätestens bei „Over the rainbow“ das Publikum auf seiner Seite hat.

Der Auftritt des Rat Pack mit der Caravan Big Band in Schlüchtern war jedoch kein einmaliges Ereignis, sondern die Premiere für eine Tournee durch deutsche Konzerthallen. Etwa 40 Auftritte wollen Hans Ludwig und seine Mitstreiter absolvieren, wovon sie bei etwa der Hälfte der Termine von der Caravan Big Band begleitet werden sollen. Zu einer solchen Tournee gehört eine umfangreiche Lichtanlage, die der Show auch optisch Professionalität verleihen. So erlebten die Zuschauer in der Stadthalle die naturgemäß statisch wirkende Big Band als „belebten“ Klangkörper.

Musikalisch zeigte der Bundessieger beim Deutschen Orchesterwettbewerb 2004, dass er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat, sondern weiter vorangekommen ist. Das 1983 gegründete Ensemble ist formal zwar als halbprofessionell einzuordnen, zelebriert den Jazz aber auf professionellem Niveau. Deshalb lieferte es dem Rat Pack am Samstag auch eine jederzeit verlässliche Basis mit ausgefeilter Dynamik und überwiegend punktgenauen Einsätzen. Selbst schwierige Arrangements wie etwa die smarte Swing-Nummer „Freckle Face“ von Sammy Nestico meisterten die Akteure scheinbar mühelos.

Der erste Teil des Abends gehörte allein der Big Band, die einmal mehr ihr breites Stilspektrum eindrucksvoll unter Beweis stellte. So zählen auch Songs wie „Against all odds“ von Phil Collins, in dem Frank Grob am Altsaxophon herausragend agierte, oder auch „Here we are“ von Gloria Estefan zum Repertoire. Diesen sowie Carol Kings „Hardrock-Café“ interpretierte Theresa Henrich, deren Stimme erkältungsbedingt aber nicht voll zur Geltung kam. Als Instrumentalsolisten überzeugten Tobias Engel am Flügelhorn, Andreas Leibold an der Klarinette sowie Mathias Kühnel in den Fußstapfen des jüngst gestorbenen Saxophonisten Michael Brecker.

Fraglos dem Premierenfieber ist wohl zuzuschreiben, dass manch eine Pointe des Rat Pack beim Publikum noch nicht so treffsicher ankam oder gar ein Notenständer von der Bühne fiel. Die Zuschauer in Schlüchtern diente dem Rat Pack quasi als Prüfstein für seine Jazzshow, die jedoch nicht mehr allzu großer Verbesserungen bedarf.

Eine Premiere in der Premiere feierte Bandleader Franz-Josef Schwade, der sich erstmals selbst als Sänger betätigte und das französische Original von „My way“ intonierte. Er wie auch die anderen Akteure erhielten kräftigen und am Ende anhaltenden Beifall. Um Zugaben kamen sie selbstverständlich nicht herum.

Big Band

  • Rhythmusgruppe: Maximilian Gärtner, Alexander Hossfeld, Manuel Schwade, Jürgen Rüttger, Veronika Sperzel und Tobias Witt.
  • Saxophone: Jonas Engel, Eva Goltz, Frank Grob, Christian Herr, Matthias Kühnel und Andreas Leibold.
  • Trompete: Tobias Engel, Felix Blum, Horst Koller, Sebastian Schwade, Leander Strott und Florian Sperzel.
  • Posaune: Carsten Kirst, Katharina Sperzel, Linda Heß, David Engel, Steffan Max.
  • Gesang: Theresa Henrich
  • Violinen: Christopher Hein (Leitung), Anna-Sophie Drews, Ann-Sophie Braun, Marie-Luise Braun, Seven Özdemir, Tobias Hildebrand.
  • Cello: Miriam Machuy
  • Tontechnik: Julius Komma
  • Leitung: Franz-Josef Schwade